Erdbeeren im Meer

Jugendbuch Manuskript

Inhalt

Rabe ist neu in der Stadt, doch es dauert nicht lange, da holt ihn sein altes Umfeld wieder ein, in dem es heißt: jagen oder gejagt werden. Schon bald muss er sich entscheiden, auf welcher Seite er stehen will, denn das, was als Spiel begonnen hat, wird schnell ernst, bitterer Ernst. Als er dann noch Zoya kennenlernt, die mit ihrer eigenen Sprache das sagt, was er nicht einmal denken will, beginnt der vertraute Boden unter seinen Füßen zu schwanken. Auf wen kann er noch zählen, wenn sein Geheimnis zu groß für ihn wird und er doch keine Möglichkeit sieht, es zu teilen?

In den kalten Tagen eines Winters muss sich eine Freundschaft bewähren, wenn sie nicht zerstört werden soll, muss eine Liebe wachsen, die in einem Krankenhaus beginnt und auf einem Hochhausdach zu enden scheint, muss ein großer Schmerz zu einem noch größeren Mut werden.

Kapitel 1

Rabe drückte sich nach oben. Neben ihm lag sein umgefallenes Regal. Er war auf den Hocher gestiegen, um einen Stapel Bücher auf das oberste Regalbrett zu schieben. Dann musste er das Gleichgewicht verloren haben. Wie ein Magnet hatte er das Regal angezogen. Der Aufprall war so stark gewesen, dass es ihm schien, als fülle das Geräusch noch immer den Raum. Die Stille danach tat gut.

Rabe saß da und lauschte. Die einsortierten Sachen lagen verstreut auf dem Fußboden. Er griff nach einer Fotografie. Auf dem Bild war er mit seinen Freunden am See. Sie hatten es ihm zum Abschied geschenkt, sogar mit Rahmen. Die Glasscheibe war gesprungen. Vorsichtig versuchte er, die Glassplitter aus dem Holz zu ziehen. Plötzlich stand der Vater in der Tür. Frontal. Rabe richtete sich auf. Der Vater kam näher. Rabe sah auf die nach oben schnellende Hand. Der gekrümmte Zeigefinger des Vaters traf präzise Rabes Brust. Rabe keuchte. Er blickte zu Boden. Seine Augen fixierten die ausgefransten Ränder eines kleinen Flecks, den der Vater mit seinen Füßen fast berührte.

Der Vater schwieg noch immer. Rabe versuchte, an ihm vorbeizusehen. Er stellte sich die unendliche Weite des blauen Meeres vor, die genau hinter seinem Vater begann. Noch ein Schritt und seine Füße würden von den ans Ufer schlagenden Wellen, die einen herrlich salzigen Geruch verströmten, berührt werden. Er würde die Arme ausbreiten, sich in die Wellen stürzen und dann Zug um Zug auf das offene Meer hinausschwimmen.

Wieder hob der Vater die Hand. Rabe zuckte zusammen, seine Deckung bröckelte. Ruhig vor dem Vater stehen, den Blick ins Leere richten, gelassen abwarten, das hatte er sich schon vorgenommen, als er noch ganz klein war.

„Mensch Miro, räum endlich deinen Kram auf! Was kriegst du eigentlich auf die Reihe?“ Das Gesicht des Vaters blieb starr.

Ich bin Rabe. Raaabe! Rabes Lippen bewegten sich unmerklich, ohne dass ein Ton herauskam.

„Weißt du überhaupt noch, wo die ist?“, fragte der Vater unvermittelt.

Rabe nickte, er wusste, was der Vater meinte. Er blickte zum Tisch hinüber, auf dem eine Kiste stand. Darin war die alte Schreckschusspistole seines Vaters, die Imitation einer echten Walther.

„Lass dich nicht erwischen“, hatte der Vater gesagt, als er sie Rabe geschenkt hatte, „und schlepp sie nicht draußen rum.“

„Und da bleibt sie, verstanden?“ Der Vater wartete die Antwort nicht ab. Er drehte sich um und ging wieder aus dem Zimmer. Rabe schaute ihm durch den geöffneten Türspalt hinterher, dann tastete er an seinem Gürtel entlang. Er fühlte den rauen Griff der Pistole und streckte sich. Die Pistole war sein größter Schatz – eine Berührung genügte und er spürte, wie die Energie durch seine Adern schoss, wie sich sein Blick verengte und seine Wahrnehmung die eines wilden Tieres wurde. Rabe öffnete das Fenster und spuckte raus. Er schaute der Spucke hinterher, wie sie im Flug ihre Form veränderte, sich aufblähte und dann auf dem Fußweg aufschlug.

Ellen schob sich durch die halb geöffnete Zimmertür.

„Flieg los, Rabe!“, sagte sie in seine Richtung. „Deine Freunde haben dich doch nicht umsonst so genannt.“

Rabe schwieg.

„Du musst dagegenhalten. Lass dir das nicht gefallen vom Vater.“

„Weiß schon.“

Seine Schwester war kaum zwei Jahre älter als er, aber manchmal schien es ihm, als wären ihre Worte seinen Gedanken schon meilenweit vorausgeeilt. Rabe nahm den Bilderrahmen in beide Hände. Ja, das waren seine Freunde aus der alten Schule.

Die Schwester blickte auf die Fotografie.

„Seit vier Wochen sind wir schon hier. Seid ihr noch connected?“ Rabe schüttelte den Kopf.

„Die waren wohl eher was für deine spontanen Aktionen.“

„Kann schon sein.“ Rabes Blick wanderte zwischen den einzelnen Personen hin und her, als wolle er sie hypnotisieren.

Das schaffen doch nur Vögel, dort hochzukommen. Komm Rabe, zeig es uns! Ey Rabe, wir brauchen was! Kannst du nicht mal kurz in den Supermarkt gehen? Du bist doch wie ein Magnet, in deinen Taschen bleibt alles kleben.

Vielleicht war er das einmal gewesen. Doch jetzt war er hier. Rabe drehte das Bild um und warf es in den Papierkorb.

Ellen kam zu ihm herüber und setzte sich auf das Bett. Sie griff sich ein Buch vom Fußboden und schlug es auf.

„Kommst du mit auf die letzte Insel mitten im Chaosmeer?“

Rabe setzte er sich auf die Bettkante. Seine Schwester rückte ein wenig näher an ihn heran.

Sie schlug das Buch auf.

„Es ist nun schon lange her, da lebte ein König, dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war“, las sie. Sie klappte das Buch wieder zu. „Weißt du noch, unsere gemeinsamen Märchenstunden zum Übertritt in eine andere Wirklichkeit?“ Sie lächelte. „Wie sieht´s bei dir jetzt aus?“, fragte sie unvermittelt. „Funktioniert der Neustart?“

„Du klingst schon wie der Vater, Neustart in der Großstadt, Update machen, Augen zu. Hat er nicht sowas am Küchentisch rausgehauen? Und nicht mal gefragt, ob ich das überhaupt will?“ Rabes Finger trommelten gegen das Bettgestell.

Seine Schwester schaute ihn ruhig an. „Du weißt, reden ist nicht seine Stärke.“

„Mich kann man eben nicht in ein paar Umzugskisten reinstopfen und dann irgendwo wieder in ein Regal einsortieren.“ Rabe sprang auf.

„Und du? Bist du in einem Himmelbett erwacht? Galoppieren die Prinzen auf ihren Pferden heran und verschmieren mit ihren weißen Federhandschuhen den Dreck an den Scheiben, um einen Blick auf dich zu erhaschen?“

Die Schwester erhob sich. Mit ihren Füßen schob sie vorsichtig die auf dem Boden liegenden Sachen beiseite und bahnet sich einen Weg zur Zimmertür. Dann blieb sie stehen und drehte sich um. „Ey Bruderherz, was ist los mit dir? Versinkst du im Selbstmitleid? Ich weiß, deine Aktion im Kaufhaus hat dich mal wieder in die Vergangenheit katapultiert. Ich weiß, dass sollte eine Überraschung für Vater werden.“ Sie zog eine Augenbraue nach oben. „Kleine Überraschung mit großem Nachspiel. Ich kenn dich doch. Zuerst ploppt in deinem Kopf eine Idee auf und füllt dein ganzes Display. Sofort ist der Speicher voll. Und dann geht es los: Du rutschst wo rein, es wird dir zu groß und dann Kopf ab. Den Kopf aus der Schlinge ziehen, das wäre mal was Neues.“

Rabe atmete tief ein. Dann ließ er die Luft mit einem zischenden Geräusch wieder nach außen strömen. Sein Blick wanderte zwischen den auf dem Boden liegenden Sachen hin und her.

„Du sprichst in Rätseln.“

Seine Schwester hatte noch immer das Märchenbuch in der Hand. Jetzt warf sie es auf das Bett.

„Ich habe deine Sachen gewaschen. Sie haben total nach Rauch gestunken. Rauchst du wieder?“

„Selten.“

Ellen kam zurück zu Rabe. Sie schaute ihn an, als suche sie etwas in seinen Augen. „Erst vor zwei Tagen hat ein Abrisshaus hier gleich um die Ecke gebrannt. Es soll da jemand Feuer gelegt haben. Hast du was davon gehört? Du bist doch immer draußen?“

„Hab ich gehört.“

„Weißt du auch, dass das Haus nicht leer war?“

„Nicht leer?“ Rabe zuckte zusammen.

„Da hat noch jemand drin geschlafen, als es schon gebrannt hat. Kannst du in der Zeitung nachlesen, die liegt in der Küche.“

„War doch ein Abrisshaus, oder?“

Die Schwester schwieg. Dann fing sie wieder an.

„Pass auf dich auf, Bruderherz. In dieser Stadt weht ein anderer Wind. Von Freunden sollte dir mehr bleiben, als ein Bild im Papierkorb. Du weißt, bei mir findest du ein offenes Ohr – immer.“ Die Schwester drückte ihn an sich. Er fühlte ihre Wärme und kurz hatte er das Gefühl, nicht ganz aus der eigenen Umlaufbahn geworfen worden zu sein.

„Ich geh noch mal in den Park“, flüsterte Rabe.

„Musst du denn heute noch arbeiten?“

„Ich brauch ein bisschen frische Luft.“

„Komm nicht zu spät.“ Seine Schwester drehte sich um  und schlüpfte aus der Tür.

Rabe angelte sich seine Winterjacke vom Bett und zog sie an. Dann griff er nach seinen Handschuhen. Ja, Raben müssen fliegen! Sie brauchen Luft und die Weite. Er würde der Welt

zeigen, dass er seinen Namen nicht umsonst bekommen hatte. Er würde zeigen, wer er wirklich war – irgendwann. Und irgendwann konnte schon heute sein.