Kurzgeschichte
Wenn ich unter den Mantel krieche, ist da drinnen wieder Nacht. Ich bin müde, auch wenn meine Beine immer weiter laufen. Wir sind schon ganz früh unterwegs. Pa drängelt, er muss zum Zug und ich muss mit. Der Bahnhof ist wie ein Drachen mit vielen Hälsen. Überall eilen die Leute hinein und werden verschluckt. Im Inneren gehen Treppen hoch. Wir nehmen zwei Stufen auf einmal. Wir sind zu spät. Dann stehen wir auf dem Bahnsteig. Ich will wieder unter Pa´s Mantel, ich will zurück in die Nacht, die warm ist und nach Tee riecht und in der die Lieder aus dem Dunkeln kommen, zum Einschlafen.
Mein Vater ist ärgerlich. Er schaut ständig auf die Uhr. Er will noch weiter vor auf dem Bahnsteig. Er nimmt meine Hand und zieht mich mit sich und ich stolpere ihm hinterher. Hier ist schon heller Tag, obwohl es draußen noch dunkel ist. Viele Sonnen hängen von der Decke und funkeln giftig. Die Sonnen sind kalt. Ich merke es an meinem Atem, der aussieht es wie Zuckerwatte, die sich gleich wieder auflöst.
Ich werde geschubst und stoße gegen einen großen Koffer. Würde ich jetzt weinen, würde es durch die ganze Halle schallen. Die Züge würden anhalten, weil sie wissen wollen, wie es mir geht und Pa würde auch aufhören, an mir zu ziehen.
Aber ich beiße mir auf die Unterlippe. Wir sind stehengeblieben und ich versuche es noch einmal mit dem Mantel. Dann schaue ich heraus. Neben mir bewegt sich auch etwas unter einem Mantel. Zwei Augen schauen mich an. Sonst kann ich nichts sehen.
Eine Taube setzt sich vor uns auf den Boden und pickt auf den Stein. Dann fliegt sie wieder hoch. Ich blicke ihr nach. Pa´s Mantel bewegt sich. Ihm müssen Flügel gewachsen sein. Dann sitzen wir oben auf den Balken des Bahnhofsdaches. Neben uns sitzen die Tauben. Sie gurren leise. Sie erzählen, dass ihnen kalt ist, denn der Nachtzug hat sie viel zu früh geweckt und sie haben noch nicht gefrühstückt. Sie schütteln sich und blicken nach unten. Ob bald jemand ein Brötchen fallen lässt. Ich will ihnen etwas aus meiner Brotbüchse geben, aber die steckt weit unten in Pa´s Tasche. Also müssen wir wieder runter. Ich stoße Pa an. Er öffnet seine Flügel. Ein Zug pfeift. Ich erschrecke. Pa zerrt mich aus seinem Mantel heraus und schaut mich an. Das Licht brennt in meinen Augen, dass mir die Tränen kommen. Adieu, ihr Tauben.
„Komm wir gehen nach Hause“, sagt Pa. „Heute sind wir mal krank.“
Wir legen uns in den Park und zählen Blätter.
Wir gehen in Kaffeebohnen über die Wiese.
Wir schauen uns in den Pfützen an.
Wir setzen uns auf ein Geländer und pfeifen Lieder.
Und dann zählen wir wieder Blätter.
Wir machen das, was uns gefällt, denn morgen sind wir bestimmt wieder gesund.
