So große Augen

Kurzgeschichte

Immer, wenn ich traurig bin, sehe ich ihre Augen. Mamas Augen. Augen, die so groß sind wie der Vollmond und so schwarz wie die Federn eines Tukans. Und die wie Boote aussehen, wenn sie zwinkern. Ich sehe in sie hinein.

Ich sehe die Bootsfahrt im Lotussee, zu meinem Geburtstag. Die Blüten neigen ihre Hälse zu mir und geben uns erst den Weg frei, als ich sie berühre, um ihnen etwas ins Ohr zu flüstern. Mama lacht darüber. Aber ich weiß, dass es stimmt.

Ganz weit hinten sehe ich meinen Strohhut. Den habe ich immer dann auf, wenn die Sonne so heiß ist, dass meine nackten Füße den Weg zum Fluss nicht mehr berühren können. Im Fluss gibt es Fische, die schnell wie Pfeile durch das Wasser schwimmen. Rote Pfeile. Mit der Hand kann man sie nicht fangen. Ich binde eine Schnur an meinen Strohhut und lockte sie mit einigen Reiskörnern an. Als Mama kommt, ist der Hut schon längst auf dem Grund des Flusses verschwunden und ich habe nur noch den Strick in der Hand. Ich sehe ihre Augen, die vor Zorn glühen, als sie mir sagt, ich solle in den Fluss, um den Hut wieder zu holen. In diesem Moment habe ich Angst vor ihren Augen. Dabei wollte ich den Fisch nur für sie fangen, damit sie wieder gesund wird. Denn die Krankheit ist schon in ihren Körper gekrochen.

Ich sehe, wie ich mich ausziehe und ins Wasser steige. Es ist nicht kalt, aber der Boden ist glatt wie die Haut einer Mango. Ich muss aufpassen, dass die Strömung meine Füße nicht wegzieht. Sie steht am Ufer. Sie ist nicht weit weg, aber mit jedem Schritt vergrößert sich die Distanz zwischen uns. Dann rutsche ich aus. Mama ist schon losgesprungen und steht neben mir. Sie hält mich fest, so fest, dass ich kaum Luft bekomme. Sie weint. Ich merke es erst, als meine Schulter nass wird, anders nass, als durch das Wasser im Fluss. Ihre Wut ist weggeflossen. Wir stehen im Fluss. Sie mit ihrem Kleid voller Blumen und ich wie ein Zuckerrohrstängel, der vom Wind umgebogen wird. Hand in Hand gehen wir zurück zum Ufer und legen uns auf das Gras, das so herrlich am Rücken kitzelt. Sie streicht mir mit den Fingern über die Haare, als wollte sie darin malen.

Dann kommt die Zeit, wo sie nur noch im Bett liegt. Viele Leute kommen zu Besuch. Manche kommen von weit her. Sie sagen nicht, dass Mama sich verändert, seit sie nicht mehr aufsteht, aber wenn sie rausgehen, haben sie traurige Gesichter. Mama redet kaum noch, doch wenn ihre Blicke Vögel sein könnten, würden sie hinausfliegen und auf uns herunterschauen und uns zulächeln. Das weiß ich. Ich sitze an ihrem Bett und falte ihr Kraniche und Flugzeuge aus Papier, um sie vor ihr aus dem Fenster fliegen zu lassen. Sie sind ganz leicht und schimmern seidig. Meine Mama wird ihnen immer ähnlicher. Und wenn ihre Augen vorher Monde gewesen waren, dann sind sie jetzt mindestens so groß wie die Sonne und manchmal auch so rot.

Wenn du groß bist, gehen wir zusammen dorthin, wo die Sonne wohnt, hat sie zu mir gesagt, immer abends, wenn sie das Moskitonetz über mein Bett zog und ich sie dann wie durch eine Wolke hindurch weggehen sah.

Jetzt liegt sie im Bett. Wenn ich komme, legte ich mich ganz nah zu ihr und flüstere ihr ins Ohr, dass ich bald groß bin und sie schon Kraft sammeln soll, für unsere Reise. Ich höre, wie sie atmet. Sie hebt nur ganz leicht den Kopf und nickt.

Das war kurz vor der Regenzeit. Mit dem Regen, der kam, fielen ihr die Haare aus. Meine Mama hatte lange schwarze Haare. Mein Papa sammelte sie vom Kopfkissen und legte sie in eine Kiste. Das sollte Glück bringen. Er sagte, es komme von den Medikamenten, die Mama nehmen müsse, aber ich glaubte ihm nicht. Wenn ein Kind ganz klein war, hatte es auch keine Haare. Mama wurde jetzt wieder zu einem Kind, um dann gesund wieder geboren zu werden. Jetzt hatte Mama ein Tuch um den Kopf.

Ich saß am Fenster und beobachtete, wie in unserer Straße die Leute Enten fütterten. Und dann habe ich ihn gesehen, den Vogel, der immer kommt, wenn etwas passiert. Er schrie ganz laut und blickte mich an, als wollte er sich gleich auf mich stürzen. Schnell bin ich vom Fensterbrett runter und zu Mama gelaufen. Ich musste jetzt bei ihr sein.

Es war ganz still in ihrem Zimmer. Sie hatte die Augen geschlossen. Ich sah sie an und wusste, dass sie gegangen war, ganz ohne mich. Mein Papa nahm mich auf den Arm und wiegte mich, als wäre ich noch klein. Dann trug er mich zu ihrem Bett. Sie hatte ihre Augen immer noch geschlossen. Wie eine Puppe sah sie aus in einem kleinem Bett. Doch ich musste nicht traurig sein, ich wusste von unserem Geheimnis. Gleich würde sie wieder aufwachen, als Kind.

Jemand kam und zündete Räucherstäbchen an. Aus dem Augenwinkel konnte sehen, wie sie langsam herunterbrannten. Die Asche fiel auf den Reis, in dem sie steckten, aber der Rauch stieg nach oben. Er sah aus wie ein Baum, der immer größer wurde. Ich nahm ihre Hand und hielt sie ganz lange. Ich wollte sie nie wieder loslassen oder erst dann, wenn sie die Augen wieder öffnete. Immer mehr Leute kamen und verneigten sich vor Mama. Einmal. Zweimal. Dreimal. Sie hatten weiße Tücher um die Stirn gebunden. Sie sollten mit mir warten. Dann bin ich wohl neben ihr eingeschlafen.

Immer wenn ich traurig bin, sehe ich ihre Augen. Augen, die so groß sind wie der Vollmond und so schwarz wie die Federn eines Tukans. Und die wie Boote aussehen, wenn sie zwinkern. Gestern habe ich mein Gesicht gesehen, wie es sich im Fluss spiegelte. Meine Augen sind wie Boote, wenn ich zwinkere. Ich schenkte dieses Bild den Wellen. Jetzt wusste ich, dass wir schon lange zusammen auf der Reise waren.

Bald wird es regnen. Dann rauscht es in unserer Straße wie am Meer. Ich werde hinausrennen, bis meine Augen auch voll Regen sind und mich drehen: einmal, zweimal dreimal. Papa wird mich suchen und wieder mit ins Haus nehmen. Er wird meine Haare abtrocknen und mir einen Kuss auf die Stirn geben. Wir sind alle zusammen.