Kurzgeschichte
Die Wellen schlugen ans Ufer, als wollten sie die Küstenlinie mit aller Kraft zurückdrängen. Mit jeder gekräuselten Linie, deren Gicht weit nach oben spritzte, wurde der Strand kleiner. Es schien, als ob ein kleines Loch in einen mit Wasser gefüllten Raum gebohrt worden wäre und nun stieß Wasser die Tore auf und strömte mit der Macht, die einer großen Masse inne wohnte, nach außen.
In dieser scheinbaren Unordnung gab es einen kleinen Punkt. Von weitem sah er so aus, als hätte er sich am Strand verirrt. Er schien vom Wind, der sich an den spitzen Steinen der Uferbefestigung brach, getrieben und fauchte den Wassermassen entgegen. Manchmal verschwand er hinter den Steinen und tauchte dann weiter hinten wieder auf. Er war nie lange weg und schien ständig in Bewegung. Wenn die Wellen dem Ufer zueilten, schien er näher an die schroff abfallende Wand der Steilküste zu springen, um mit dem Zurücktreten der Wellen seinen Weg wieder fortzusetzen. Bald erreichte der Punkt ein Stück Ufer, an dem sich das Land in einer dünnen Spitze weiter ins Meer vorgeschoben hatte. Auch die steil abfallende Uferböschung war dort näher an die jetzt tosende Wassermasse gerückt und schien seinerseits einen Kampf zu führen, dem Wasser Einhalt zu gebieten. Dort verweilte der Punkt und wenn man genau hinhörte, war es, als ob man zwischen den sich überwerfenden Geräuschen, zwischen dem Rauschen, dem Brüllen, dem Tosen und Heulen eine kleine Melodie hörte, die in den Wind hineingeflochten war und durch ihn weitergetragen wurde. Man konnte jetzt erkennen, dass der Punkt auf einen einzeln liegenden Stein kletterte. Er richtete sich auf und jetzt sah man ihn deutlich. Es war ein Junge, der das stand. Er stand aufrecht und lehnte sich gegen die ihm entgegenstürmenden Luftmassen. Dann war der Punkt weg und mit ihm die Melodie. Krachend spülten die Wellen über die kleine Landzunge.
Die Tür eines Fischwarenladens in Sandnessjoen wurde aufgestoßen. Der Laden gehörte zu einem Haus, das das Ende einer Straße bildete, die in engen Kurven auf eine Anhöhe führte. Von hier oben konnte man über die weite Fläche des Ozeans sehen. Auch wenn man kein Gegenüber sah, weder eine Insel noch eine Klippe, die aus dem Meer ragte, glaubte man mit ein wenig Fantasie, dass dort, hinter diesem gewaltigen „Nichts“, etwas entstand, ja, sich schon entwickelt hatte und nur darauf wartete, entdeckt zu werden. Lus hatte keine Schwierigkeiten, sich das vorzustellen. Für sie war es zum Greifen nah und damit wahr.
Immer, wenn Lus zum Fischladen ging, lief sie noch bis zum Ende der Straße und schaute in die Tiefe, dorthin, wo Welle auf Welle im ewigen Gleichklang dem Ufer zueilte, wo die Gichtlinien über das Meer zogen. Eine folgte der anderen, doch keine würde jemals die andere einholen. Eine große Einsamkeit wohnte diesem Spiel der Naturgewalten inne. Wenn Lus sich an den äußersten Rand der Düne stellte und diesem Schauspiel zusah, konnte sie durch die aufsteigende Luft kaum atmen. Das Gefühl, in einem völlig leeren Raum nach Luft zu schnappen, war jedes Mal so gewaltig, dass sie zurückgeworfen wurde. Und doch war es das, was sie immer wieder an diesen Ort zog, dorthin, wo sich ihre Lungen mit einem Schrei aufblähen wollten und die Kraft, die dagegen drückte, stärker war. Vieles konnte man dort verstehen. Dass der kurze Moment der Angst zugleich auch der Beginn eines
viel größeren Mutes war. Dass in der absoluten Weite auch eine Begrenzung lag. Dass es Dinge gab, die einem Angst einflößten und die nur dann vertraut wurden, wenn man sie sich zu Freunden machte.
Jetzt stieß Lus die Tür des kleinen Fischladens auf und trat ein. Der Verkaufsraum war nicht größer als das Innere eines Fischerbootes und fast genauso düster. Lus ging die zwei Schritte zu den mit Eis gefüllten Tischen und schaute auf die in kleine Eiswürfel eingesunkenen Waren. Spitz zulaufende Fische -die Pollacks- hatten ihre Augen weit aufgerissen. Ihr schien, als schauten sie auf etwas Entferntes. Warteten sie darauf, dass das Wasser ihre Körper bald wieder umschließen würde? Der Seelachs mit seinem großen Körper und seinen darin steckenden Knopfaugen blickte starr. Seine Blicke verrieten nichts. Noch bevor der Fischverkäufer sich erhoben hatte, flüsterte Lus etwas in Richtung des eisigen Fischtisches. Noch im letzten Jahr wollte sie immer alle Fische kaufen, um sie zurück ins Meer zu tragen. Jetzt versuchte sie, zu den Gedanken der Fische Kontakt aufzunehmen. Denn die Gedanken waren es, da war sie sich sicher, die blieben, auch wenn das Draußen ein anderes wurde. Früher hätte sie beim Anblick der starren Fischleiber, deren Glanz langsam verblich, keine Hoffnung mehr für sie gespürt. Jetzt ahnte sie, dass Hoffnung und Sehnsucht blieben.
Lus kaufte Miesmuscheln und der Mann, der sie ihr verkaufte, schaufelte sie in eine Tüte, wog sie auf einer Waage, deren Waagschalen aus dem Eis herausragten und reichte sie ihr dann über die Theke. Er brummte etwas, was zu leise war, um es zu verstehen.
„Wieder anschreiben?“, fragte er dann ohne aufzublicken. Er drehte einen Stift zwischen den Fingern. „Ja,“ lachte Lus. Immer, wenn ihre Eltern den kleinen Ort am Meer fast fluchtartig für eine auswärtige Arbeit verließen, vertrauten sie Lus nicht nur das kleine Haus an, sondern sie trauten ihr auch zu, sich selbst durchzuschlagen. Sie waren sich dessen wahrscheinlich nicht einmal bewusst, glaubte Lus. Doch sie spürte die Kraft dieser Entscheidung wie eine Hülle um sich herum.
„Wenn deine Eltern Vögel wären, würden sie wahrscheinlich irgendwann einmal von einer starken Böe weggeweht werden und nie wieder zurückfinden“, brummte der Fischverkäufer. Das war ein richtig langer Satz für den Mann und Lus würde draußen darüber nachdenken, wie er gemeint war. Sie nickte nur und trat dann aus dem Laden heraus.
Die Wolken zogen dicht über der Abbruchkante der Küste entlang und Lus sah auf die dunklen Gebilde, die kurz davor waren, sich zu entladen. Nicht zu schnell ging sie die Straße hinunter. Sie sprang über die Pfützen, die sich in den Schlaglöchern der Straßen gebildet hatten und in denen sie die Wolken ziehen sah. Der Regen würde schnell kommen und Lus würde ihn lieben. Sie liebte das Wasser. Egal aus welcher Richtung es kam. Deshalb waren sie –die Neuen- auch vor jetzt fast fünf Jahren hierhergezogen. Die „Neuen“ würden sie immer bleiben, auch wenn die Bezeichnung der hier Ansässigen schon nicht mehr so rauh klang, sondern ein gewisses mitleidiges Wohlwollen in ihr mitschwang.
Als Lus zu Hause ankam, hatte der Regen schon ihre Haare in kleine Bäche verwandelt. Ihre Sachen klebten an ihr wie eine weitere faltenwerfende Haut und in ihren Schuhen machten kleine Seen bei jedem Schritt quietschende Geräusche. Ihr Haus war aus einiger Entfernung zu sehen. An ihm hatte der Wind stetige seine Arbeit verrichtet und die meisten Bewohner der Gegend hatten wohl nicht mehr daran geglaubt, dass man überhaupt in diesem Haus wohnen könnte. Lus schob die Tür auf und schlüpfte durch sie hindurch in einen gemütlichen Raum, in dessen Mitte ein großer Ofen stand. Auch wenn sich das Dach des Hauses vor der Erde zu verneigen schien, war der Raum nicht dunkel. Die großen Fenster sammelten das Licht von draußen. Lus zog ihre nassen Sachen aus, dann stand sie still da. Das Rauschen des Regens war das einzige Geräusch, das sie vernahm. Erst jetzt spürte sie, dass sie allein war, allein und fähig, alles aus dieser Stille heraus entstehen zu lassen. Sie konnte der Versuchung nicht wiederstehen und stemmt sich gegen die Tür. Dann stand sie fast nackt im rauschenden Regen und spürte den Schmerz von kleinen Nadelspitzen, den die Regentropfen auf ihrer Haut hinterließen. Sie rannte wieder ins Haus zurück und setzte sich an den Ofen, der eine zarte Wärme ausstrahlte. Sie schüttete die Muscheln auf ein Blech. Dunkel lagen sie vor ihr. Muschel für Muschel ordnete sie nebeneinander und legte die mit den kaputten Gehäusen zur Seite. Eine Limpet hatte sich an eine Muschelschale gesaugt und sie schützend umschlossen. Vorsichtig nahm Lus sie zwischen die Finger und drehte sie zum Licht. Die beiden Tiere schienen sich zu umarmen. An ihren Fingerspitzen spürte Lus den sanften Druck ihrer Umarmung. Ich werde sie zurückbringen, sagte sie laut in die Stille des Raums hinein. Sie sprang auf und zog sich an und stand kurze Zeit später wieder im Regen. Die Muschel hielt sie in der Hand. Dann rannte sie los. Sie rannte am Fischladen vorbei und hoch zum Steilufer. Die Töne des Meeres klangen laut, aber für Lus hatten sie das Bedrohliche schon lange verloren. Sie schaute über das Meer. Die Schaumkronen der Wellen jagten zum Ufer und gaben mit Kraft ihre Wassermassen an den Strand ab. In dieser scheinbaren Unordnung gab es einen kleinen Punkt, der, so schien es Lus, sich am Strand verirrt hatte. Er bewegte sich auf eine kleine Landzunge zu, die weit ins Meer hinausragte.
Sie verengte ihre Augen zu Schlitzen, um dem Punkt weiter folgen zu können. Jetzt erklomm der Punkt einen einzeln liegenden Stein. Es war ein Mensch. Er richtete sich auf.
Vielleicht war es der Wind. Vielleicht brachen sich auch die Wellen an den Buhnen der Strandlinien und erzeugten dabei dieses Geräusch. Aber Lus schien es, als hörte sie eine Melodie, die Ton für Ton, aufgefädelt wie auf einer Perlenschnur, zu ihr herüberwehte. Dann war der Punkt verschwunden und mit ihm die Melodie. Krachend spülten die Wellen über die kleine Landzunge. Lus fühlte, wie sich etwas von ihr trennte. Die schützenden Arme einer Umarmung verloren ihren Druck. Der Regen schien nicht mehr ihr Begleiter, sondern lief nur noch an ihr herunter.
Wenn meine Eltern Vögel sind, dann kann auch ich fliegen, dacht Lus. Jetzt schien der Spruch des Fischverkäufers für sie einen Sinn zu bekommen. Dann sprang sie. In ihrer Hand hielt sie noch die sich aneinander festhaltenden Tiere.
Zuerst schien sie ins Bodenlose zu stürzen. Es dauerte lange, bis ihre Füße losen Sand unter sich spürten. Gleich darauf wurde sie nach vorn gerissen und überschlug sich. Sie landete wieder auf den Füßen und stolperte weiter nach unten. Noch einmal wirbelte ihr Körper steuerlos durch die Luft, dann fiel sie nach vorn in den Sand und blieb liegen. Das Meer war ihr schnell sehr nah gekommen, doch sein Rauschen beruhigte sie. Als sie sich erhob, spürte sie die Glut, die durch den Sprung durch ihre Adern geschossen war. Sie richtete sich auf und taumelte am Strand entlang. Die Landzunge konnte sie noch nicht sehen. Aber ein Mensch war dort verschwunden. Er hatte sie gerufen. Und sie hatte seinen Ruf gehört. Die Wellen spülten über den Sand und ließen eine glatte Fläche zurück, in der ihre Füße einsanken. Hinter der nächsten Kurve konnte sie das schmale Stück Land sehen, das jetzt fast vollständig von Wasser umschlossen war. Vor ihr in den Wellen sah sie etwas schwimmen. Es schien wie eine Boje, die auf den Wellen tanzte und immer wieder hinuntergezogen wurde. Sie stürzte ins Wasser. Die Kälte umfloss sie. Die Oberfläche des Wassers bäumte sich vor ihr auf, doch darunter lag eine tiefe ruhige Dunkelheit. Mit beiden Händen griff sie nach der Boje, die sich weich anfühlte, wie ein Stück Stoff, das etwas in sich barg.
Das Leben zeigt sich nur sehr selten in seiner ursprünglichen, nackten Gestalt und auch wenn es allgegenwärtig ist, ist der Blick darauf oft verstellt und die Verzerrungen werden für das Wahre gehalten. Aber das Leben reicht dem, der sucht, seine rettende Hand und gibt sich dadurch preis.
Als Lus den Jungen an Land zog, spürte sie wieder die innere Wärme ihres Sprungs. Sie spürte die Kraft der Umarmung der Limpet und sie spürte den Horizont. Sie war angekommen und wieder zurückgekehrt. Sie war da.
Der Junge hustete. Wie ein verlorenes Bündel lag er auf dem nassen Sand. Es würde lange dauern, bis sie ihn vom Ufer nach oben ins Dorf geschleppt haben würde und noch länger, um zu verstehen, doch Lus wusste, sie würde es schaffen.
